Hitze-Monitor.
Was macht die Hitze mit Bonn?
Ich habe drei offene Datenquellen zu Wetter und Sterbefällen zusammengelegt und daraus einen Bereich für mein Bonn-Dashboard gebaut, eine Stadtkarte mit offenen Daten. Dort lässt sich jeder Sommer seit 1957 einzeln ansehen, dazu die Grenze, ab der Schwitzen den Körper nicht mehr kühlt, und wie gut sich die Hitzetoten aus dem Wetter schätzen lassen.
Ausgangslage
Angefangen hat es mit einem „Klimatoten-Tracker“. Bei der Recherche stellte sich heraus, dass niemand Klimatote zählen kann: auf deutschen Totenscheinen steht fast nie „Hitze“. Als unmittelbare Todesursache zählt das Statistische Bundesamt im Schnitt der Jahre 2004 bis 2024 nur 21 Fälle pro Jahr, das Robert Koch-Institut schätzt für 2015 bis 2024 zwischen 1.440 und 8.500. Ein großer roter Live-Ticker wäre also unehrlich gewesen. Spannend ist der Abstand zwischen Totenschein und RKI-Schätzung.
Warum beide Zahlen stimmen
Der Totenschein nennt den Herzinfarkt, nicht die Hitzewelle dahinter
Beide Zahlen messen etwas anderes. Die amtliche Statistik zählt, was als unmittelbare Todesursache eingetragen wurde. Die RKI-Schätzung rechnet mit der ÜbersterblichkeitÜbersterblichkeitWie viele Menschen in einem Zeitraum mehr gestorben sind, als nach den Vorjahren zu erwarten war. Sie nennt keine Todesursache, sondern eine Differenz., also mit der Differenz zwischen den tatsächlichen und den erwarteten Sterbefällen einer Hitzewoche. Der eine Wert ist ein Eintrag, der andere ein Rückschluss.
Daraus wurde eine Seite, die zeigt, wie man Hitzetote überhaupt zählt, und die ihr eigenes Modell offen überprüfen lässt.
Die Daten
Das Fundament sind drei offene Quellen: die Wetterstation Köln/Bonn (DWD, Tageswerte seit 1957, gut 25.000 Messtage, dazu Stundenwerte zurück bis 1949), wöchentliche Sterbefallzahlen für NRW seit 2000 (Destatis, bezogen über Eurostat) und die Übersterblichkeits-Schätzungen des RKI. Die Wetterstation steht am Flughafen. Ihre Tagesmittel gelten auch für die Stadt, ihre Nachtwerte nicht.
Tagsüber misst die zweite Bonner Station dasselbe, nachts 1,21 °C weniger
So viel wärmer misst Bonn-Friesdorf als der Flughafen Köln/Bonn
- Tagsüber, Höchstwert+0,25 °C Flughafen 22,5 °C, Friesdorf 22,8 °C
- Nachts, Tiefstwert+1,21 °C Flughafen 11,7 °C, Friesdorf 12,9 °C
- Nächte nach Tagen ab 30 °C+1,53 °C Flughafen 15,2 °C, Friesdorf 16,7 °C
Ich habe die Flughafenstation gegen die zweite Bonner Station gehalten, Bonn-Friesdorf, über alle gemeinsamen Messtage. Über den ganzen Tag gerechnet liegen beide praktisch auf demselben Verlauf. Für das Tagesmittel also ja. Nach Tag und Nacht getrennt nicht: Der Flughafen liegt offen und gut durchlüftet, ihm fehlt die städtische Wärmeinsel, und die ist genau ein Nacht-Phänomen. Aufgefallen ist mir das erst, als ich das Kapitel über die warmen Nächte bauen wollte.
Wie ich das geprüft habe
Nur 25 Nächte über 20 °C in der ganzen Messreihe, deshalb zähle ich ab 15 °C
Elf dieser Nächte, die durchgehend über 20 °C bleiben, liegen vor dem Jahr 2000. Daraus einen rasanten Anstieg zu zeichnen, wäre eine Erfindung gewesen.
Ich zähle deshalb Nächte ab 15 °C: dieselbe Belastung für den Körper, und ein Anstieg, den die Daten wirklich hergeben (17,1 auf 24,4 Nächte pro Jahr).
Wie gut sich die Hitzetoten schätzen lassen
Das Modell schätzt eine einzige Größe: wie viele Menschen in einer heißen Woche in NRW mehr sterben als in einer normalen. Es ist bewusst klein gehalten, zwei Stellschrauben, die aus den Wochenmitteltemperaturen von neun Wetterstationen rechnen, eingestellt an den veröffentlichten Jahresschätzungen des RKI. Geprüft habe ich es so: Ich lasse ein Jahr weg, stelle das Modell nur mit den neun anderen ein und schätze dann das weggelassene Jahr. Das wiederhole ich für jedes der zehn Jahre.
Die elfte Zeile ist die laufende Schätzung für 2026, und die liegt daneben: im Juli 2026 lag sie 23 Fälle unter der Untergrenze. Sie steht hier, weil ich sonst nur die Jahre zeigen würde, in denen die Schätzung stimmt.
Was daraus wurde
Ein Bereich unter der Karte des Bonn-Dashboards, mit den Warming Stripes als Kopf. Darunter vier Kapitel, von denen immer nur eines offen ist: die heißen Tage, die Nächte, die körperliche Grenze und was die Hitze kostet. Die Daten werden zweimal am Tag nachgezogen.
Für das Kapitel zur körperlichen Grenze habe ich die schwülen Stunden gezählt, in denen Schwitzen kaum noch kühlt (über 22 °C FeuchtkugeltemperaturFeuchtkugeltemperaturDie tiefste Temperatur, auf die Verdunstung die Haut noch herunterkühlen kann.): Seit 2004 sind es im Schnitt 1,8-mal so viele wie von 1981 bis 2003.
Schwüle Stunden je Sommer, Köln/Bonn
2015: 62 Stunden über 22 °C
Dazu zwei Dinge, die über den Bereich hinausreichen. Ein Ausblick auf sieben Tage erscheint oben bei den Kennzahlen der Stadt, sobald Hitze bevorsteht, und führt von dort auf die Karte der kühlen Orte. Und ein Regler verschiebt jeden gemessenen Sommer um ein bis drei Grad nach oben, während die Achse stehen bleibt: So sieht man, wie viele heiße Tage ein einzelnes Grad mehr bringt.
Zum Hitze-Bereich im Bonn-Dashboard
Quellen
Destatis, Pressemitteilung vom 2. Juli 2026, RKI, Epid Bull 19/2025, RKI-Übersterblichkeitsbericht, Eurostat demo_r_mweek3, DWD Open Data. Ein Teil der Hitzetoten wäre auch ohne Hitzewelle wenig später gestorben (Harvesting-Effekt), und die COVID-Jahre verzerren jede Baseline. Deshalb stehen hier Spannen und Erwartungswerte, nie eine einzelne rote Zahl. Die Zahlen dieser Seite sind Stände aus den generierten Dateien des Projekts, kein Live-Abruf.