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● Datenprojekt · Offene Daten · 2026

70 Sommer, ein Thermometer.

Was macht die Hitze mit Bonn? Ich habe drei offene Datenquellen übereinandergelegt und daraus eine interaktive Datenstory im Bonn-Dashboard gebaut: 70 Sommer zum Durchziehen, die körperliche Grenze als Feld aus Hitze und Feuchte, und ein Modell, das öffentlich zeigt, wo es trifft und wo nicht.

Rolle
Konzept, Daten & Umsetzung
Kontext
Eigenprojekt · Bonn-Dashboard
Zeitraum
2026
Werkzeuge
PythonDWD Open DataEurostatRKICanvasn8n
Warming Stripes für Bonn: 68 Jahresstreifen von Blau nach Rot, 1958 bis 2025

Warming Stripes für Bonn, ein Streifen pro vollständigem Kalenderjahr, 1958 bis 2025: Jahresmittel der Station Köln/Bonn gegen die Referenz 1961–1990. In der Live-Sektion liegt genau dieses Bild hinter der ganzen Leiste. Keine Deko, sondern Messung.

Angefangen hat es mit einer Idee im Backlog: ein „Klimatoten-Tracker“. Bei der Recherche stellte sich heraus, dass niemand Klimatote zählen kann. Auf deutschen Totenscheinen steht fast nie „Hitze“: als unmittelbare Todesursache zählt das Statistische Bundesamt im Schnitt der Jahre 2004 bis 2024 nur 21 Fälle pro Jahr. Das Robert Koch-Institut schätzt für die Jahre 2015 bis 2024 zwischen 1.440 und 8.500 Todesfälle im Jahr. Beides stimmt: Der Totenschein nennt den Herzinfarkt, nicht die Hitzewelle dahinter.

Ein Zähler mit einer großen roten Zahl wäre also unehrlich gewesen. Interessant ist die Lücke selbst. Daraus wurde eine Seite, die zeigt, wie man Hitzetote überhaupt zählt, und die ihr eigenes Modell offen überprüfen lässt.

Das Fundament sind drei offene Quellen: die Wetterstation Köln/Bonn (DWD, Tageswerte seit 1957, gut 25.000 Messtage, dazu Stundenwerte zurück bis 1949), wöchentliche Sterbefallzahlen für NRW seit 2000 (Destatis, bezogen über Eurostat) und die Übersterblichkeits-Schätzungen des RKI.

Darf ein Thermometer am Flughafen für die Stadt sprechen? Ich habe es gegen die zweite Bonner Station gehalten, Bonn-Friesdorf, über 11.121 gemeinsame Messtage: Korrelation 0,996. Für das Tagesmittel also ja. Für die Nächte nein, und das ist mir erst aufgefallen, als ich das Kapitel über Tropennächte bauen wollte. Dieselbe Prüfung, nach Tag und Nacht getrennt, gibt zwei verschiedene Antworten: tagsüber messen die beiden Stationen praktisch dasselbe (0,25 °C Unterschied), nachts liegen sie 1,21 °C auseinander, an heißen Tagen 1,53 °C. Der Flughafen liegt offen und gut durchlüftet, ihm fehlt die städtische Wärmeinsel, und die ist genau ein Nacht-Phänomen.

Das hat Folgen für das, was man zeigen darf. Echte Tropennächte über 20 °C zählt die Flughafenstation in 70 Jahren ganze 25, elf davon vor dem Jahr 2000. Daraus einen rasanten Anstieg zu zeichnen, wäre eine Erfindung gewesen. Ich zähle deshalb Nächte ab 15 °C: dieselbe Physiologie, und ein Anstieg, den die Daten wirklich hergeben (17,1 auf 24,4 Nächte pro Jahr). Wie groß der Abstand zur Stadt ist, zeigt derselbe Vergleich: in denselben 2.755 Sommernächten kam Friesdorf auf 14 Tropennächte, der Flughafen auf 3.

Das Modell dieser Seite schätzt eine einzige Größe: wie viele Menschen in einer heißen Woche in NRW mehr sterben, als in einer normalen Woche zu erwarten wäre. Es ist bewusst klein: zwei Koeffizienten auf den Wochenmitteltemperaturen von neun Stationen, kalibriert an den veröffentlichten RKI-Jahresschätzungen. Zwei kompliziertere Anläufe flogen vorher raus, weil sie systematisch etwa doppelt so hoch schätzten. Die Sommer-COVID-Wellen liegen genau auf den Hitzewochen, und das rechnet das RKI aufwendig heraus, was ein Build-Skript nicht nachbaut.

Ob so etwas taugt, entscheidet nicht die Formel, sondern die Probe. Jedes Jahr wird aus den neun anderen vorhergesagt, ohne sich selbst zu kennen. Der Punkt ist die Vorhersage, der Balken das 95-Prozent-Intervall des RKI:

Für die Zahlen eine Zeile antippen oder mit der Maus darauf zeigen.

Vorhersage aus den anderen Jahren RKI-Schätzung RKI-Intervall, 95 %

Zehn von zehn treffen. Die elfte Zeile ist die laufende Schätzung für 2026, und die trifft nicht: Stand Juli 2026 liegt sie 23 Fälle unter der Untergrenze. Sie steht hier, weil eine Methodenseite, die nur ihre Treffer zeigt, keine Methodenseite ist.

Für das Kapitel über die körperliche Belastungsgrenze habe ich die stündlichen Temperatur- und Feuchtewerte der Station ausgewertet, zurück bis 1949: wie oft ist es in Bonn so heiß und zugleich so feucht, dass Schwitzen kaum noch kühlt. Das Maß dafür heißt Feuchtkugeltemperatur, auch Kühlgrenztemperatur genannt: die tiefste Temperatur, auf die Verdunstung die Haut noch herunterkühlen kann. Die erste Auswertung ergab eine schöne Schlagzeile. Sie war falsch. Der Umschalter zeigt, warum:

So hätte man es falsch verglichen: zwei Zeitspannen, 1950–1979 gegen 1996–2025, quer über den Messbruch.

Messungen pro Tag, über die Länge des Messbestands

Stündlich aufgezeichnet wird seit 1949. Von 1957 bis 1980 wurde nur alle drei Stunden gemessen, 24 der 78 Jahre. Die falsche Zeitspanne 1950–1979 liegt zu drei Vierteln in dieser Delle: deshalb zählt sie so wenige Stunden, und deshalb sieht der Sprung danach nach dem Siebenfachen aus.

Der tatsächliche Befund braucht gar keine Normierung, er bleibt einfach in der durchgehend stündlichen Ära: 6,3 → 11,5 Stunden pro Sommer über 22 °C Feuchtkugel, 1981–2003 gegen 2004–2025, beide Zeitspannen zu gut 99,6 % gemessen. Faktor 1,8. Und je höher die Schwelle, desto steiler: ab 24 °C geht es von nie auf vier Tage.

Ein Vierteljahrhundert lang hat die Station nur alle drei Stunden gemessen. Wer Stunden zählt, ohne zu zählen, wie viele Stunden überhaupt gemessen wurden, misst das Messgerät. Seitdem trägt in diesem Projekt jede Zahl ihre Grundgesamtheit mit: die generierten Dateien speichern zu jedem Jahr die Zahl der gültigen Stunden, und verglichen werden nur Raten.

Dieselbe Vorsicht galt für die Grenzlinien im Kapitel „Die Grenze“. Die 35 °C Feuchtkugel, ab denen der Körper seine Wärme nicht mehr loswird, stammen von Sherwood und Huber (2010). Die Zahl ist allerdings gerechnet, nicht gemessen. Vecellio und Kollegen (2022) haben junge, gesunde Menschen in die Klimakammer gesetzt, und dort erreichte niemand die 35: in feuchter Hitze lag die Grenze im Mittel bei 30,6 °C. Deshalb zeichnet die Grafik beide Linien, und die tiefere ist die wichtigere. Für ältere Menschen liegt sie noch darunter, nur gibt es dafür keine belastbare Zahl, die Arbeitsgruppe schreibt selbst, die Erhebung laufe noch. Also steht dort kein Wert, sondern der Hinweis, dass er fehlt, und daneben die Schwelle, ab der der DWD ältere Menschen tatsächlich warnt (36 °C gefühlte Temperatur).

Live als Sektion im Bonn-Dashboard, eingeklappt unter der Karte, mit den Warming Stripes als Kopf. Aufgeklappt sind es vier Kapitel auf einer Bühne, immer nur eines sichtbar: die heißen Tage, die Nächte, die körperliche Grenze und was die Hitze kostet. Dazu ein 7-Tage-Ausblick, der oben bei den Kennzahlen der Stadt erscheint, sobald Hitze bevorsteht, mit Brücke zur Karte der kühlen Orte, und ein Regler, der jeden gemessenen Sommer um ein bis drei Grad verschiebt, wobei die Achse stehen bleibt, damit man das Wachstum wirklich sieht. Aktualisiert sich zweimal täglich von selbst. Zur Live-Sektion im Dashboard →

70
Sommer mit Tageswerten, 1957 bis heute
10/10
Jahre, in denen die Kreuzprobe trifft
26,5
°C Kühlgrenztemperatur, gemessen im Juni 2026, Rekord der Reihe bis dahin
1,8×
Stunden über 22 °C Kühlgrenztemperatur je Sommer, 2004–2025 gegen 1981–2003

Quellen: Destatis, Pressemitteilung vom 2. Juli 2026 · RKI, Epid Bull 19/2025 · RKI-Übersterblichkeitsbericht · Eurostat demo_r_mweek3 · DWD Open Data. Ein Teil der Hitzetoten wäre auch ohne Hitzewelle wenig später gestorben (Harvesting-Effekt), und die COVID-Jahre verzerren jede Baseline. Deshalb stehen hier Spannen und Erwartungswerte, nie eine einzelne rote Zahl.

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